«Neue Jobprofile wird es längst geben, bevor sie einen Namen haben»

Prof. Dr. Andrea Back

Prof. Dr. Andrea Back

Universität St. Gallen, Institut für Wirtschaftsinformatik

Arbeitsgebiete Digitale Transformation, Agile Innovation Management, Coworking aus Unternehmenssicht, Blog Zukunft von Arbeit und Lernen, Programmbeirätin LEARNING INNOVATION Conference

Dr. Daniel Stoller-Schai: Liebe Frau Prof. Dr. Andrea Back. Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen bezüglich "Kompetenzen der Zukunft" (Future Skills?)

Prof. Dr. Andrea Back: Dass es wie die Bezeichnung schon sagt um «Kompetenzen» geht, also um eine höhere Stufe von «Wissen». Diese brauchen Gelegenheiten, Erfahrung und Zeit, um sich zu entwickeln. Sich Wissen anzueignen finde ich aber nach wie vor eine wichtige Grundlage. Nur müssen sich die Gewichte unserer Bildungsmethoden stärker auf Kompetenzen verlagern. Dafür reicht es z.B. nicht, ein neues Fach einzuführen oder in einer Lehrveranstaltung andere didaktische Methoden zu nutzen - es muss an verschiedenen Rädchen im gesamten System gleichzeitig gedreht werden.

 

Dr. Daniel Stoller-Schai: Was muss ich Ihrer Meinung nach als einzelner Mitarbeiter in einem Unternehmen tun, damit ich meine Marktfähigkeit (Employability) erhalten oder ausbauen kann?

Prof. Dr. Andrea Back: Vielfach heisst es, man müsse zuerst die Frage beantworten können, wo man in 5 Jahren sein will und dann seine Karriereplanung machen. Durch Gespräche mit Managern und Lektüren ist mir jüngst bewusstgeworden, wie wichtig das Fundament dafür ist: Nämlich sich klar zu werden, wer man eigentlich ist, wie privates und berufliches Leben doch eng zusammenhängen, und auch zu reflektieren, wie man in Sachen persönlicher Arbeitsorganisation agiert. Es ist eigentlich erschreckend, wie wenige sich damit befassen und nur im Hamsterrad-Modus leben. Also nicht bis zur Outplacement-Beratung damit warten. Ausserdem ist einem natürlich ein Arbeitsumfeld, Chef/in und Team, zu wünschen, das von diesem Denken «Employability» getragen ist.

 

Dr. Daniel Stoller-Schai: Was sind mögliche neue Jobprofile, die in naher Zukunft eine Rolle spielen werden?

Prof. Dr. Andrea Back: Dazu gibt es ja Studien und Forscher. In einem MIT-Sloan-Artikel zur Automatisierung durch Künstliche Intelligenz fand ich diese neuen Job-Kategorien einleuchtend: «Trainers, Explainers, and Sustainers».

Ich denke, neue Jobprofile wird es längst geben, bevor sie einen Namen haben, weil sie sich aus den Notwendigkeiten und Chancen heraus kontinuierlich entwickeln. Die Wandelbarkeit und Formbarkeit von «Jobs» in der Arbeitspraxis unterschätzen wir vermutlich. Man war ja überrascht, dass die jüngere Forschung zur Neuroplastizität beweist, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter nie fertig ist. Auf jeden Fall wird das, was der Mensch besser kann als die «Maschine», mehr Raum bekommen.


Dr. Daniel Stoller-Schai: Welche Form des Lernens müssen Unternehmen anbieten, damit sie wettbewerbsfähig und für Arbeitnehmende attraktiv bleiben?

Prof. Dr. Andrea Back: Die Lernmöglichkeiten spielen sicher eine zunehmende Rolle bei der Entscheidung, für wen man arbeiten möchte und was. Die Aufgabe selbst, die man ausübt, ist das ergiebigste Lernangebot, d.h. die Arbeit braucht auch etwas Herausforderndes. Formen des Lernens sollten zur jeweiligen Arbeits- und Lebenssituation sowie persönlichen Motivation passen, Fokussierung (im Sinne des Buchs «Deep Work: Rules for Focused Success in a Distracted World) erlauben sowie wirksam und d.h. auch wertvoll für die persönliche bzw. berufliche Entwicklung sein. Es braucht bei Lernangeboten kein digitales Chi-Chi um attraktiv zu sein, aber Mittel und Methoden von vorgestern, die persönliche Zeit und Energie «verschwenden», das geht nicht mehr.

Dr. Daniel Stoller-Schai: Was würden Sie selber heute lernen, wenn Sie nochmals 20 wären?

Prof. Dr. Andrea Back: Ziemlich dasselbe, d.h. mich wieder für ein Studienfach entscheiden, in dem es um die Anwendung innovativer Technologien geht. (Damals bot sich Wirtschaftsinformatik an; heutzutage ist die Auswahl grösser und ich würde wohl mit Medizininformatik oder Biotechnologie einsteigen.) Allerdings würde ich meine Lernbiographie ganz anders gestalten, nach dem Reissverschlussprinzip: Lernen an Bildungseinrichtungen abwechseln mit Phasen des Lernens im Arbeitskontext.

Dr. Daniel Stoller-Schai:

Vielen Dank für diese spannenden Aspekte. Wir freuen uns, dass Sie an der 10. LEARNING INNOVATION Conference zum Thema «Future Skills» aktiv mit dabei sind.

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